In Sunnmøre an der Westküste Norwegens im 19. Jahrhundert führen die Einwohner ein hartes Leben, das geprägt ist vom Fischfang und der Schafzucht. Als die junge, schwangere Kristiane ihren Ehemann verliert, soll ihr auch das Lotsenrecht entzogen werden, das seit Generationen ihre Familie innehat, denn als Frau darf sie dieses nicht ausüben; genau, wie ihr viele andere Tätigkeiten nicht zugestanden werden. Ihr Versprechen an ihren Vater, das Recht in der Familie zu halten, kann sie nur durch eine schnelle neue Heirat halten. Kristianes Jugendfreund Lars, für den sie sich entscheidet, wird ein zuverlässiger und verständnisvoller Ehemann, guter Vater für Kristianes Sohn Lisje-Anders und gewissenhafter Lotse. Doch Kristiane verliebt sich in den Kaufmannssohn und Kapitän Fredrik..
Die norwegische Schriftstellerin Trude Teige ist vor allem aufgrund ihrer Generationen Romane 2015-2025) bekannt und beliebt. Der Gesang der See von 2002, der sie als Autorin bekannt machte, wurde allerdings jetzt erst auf Deutsch veröffentlicht; in ihm verarbeitet sie ihre eigenen Erfahrungen als Tochter eines Fischers an der norwegischen Westküste und die Geschichte ihrer Ururgroßmutter, die sich ihren Platz in der Männerwelt erkämpfte; sicher ein Grund, warum der Roman überaus authentisch und glaubhaft wirkt.
Die norwegische Landschaft mit ihren harten Lebensbedingungen ist überzeugend beschrieben.
Trude Teige schreibt klar und bildhaft und auf ruhige Art und Weise. Wie die Einwohner des Fischerortes macht sie kein großes Aufheben um die Geschehnisse, sondern beschreibt nüchtern die Vorgänge und schafft dennoch dabei eine gewisse Emotionalität. Allerdings ist in meinen Augen deutlich zu erkennen, dass die Autorin sich in den späteren Romanen weiterentwickelt hat und es ihr noch stärker gelingt, die Leser*Innen in die Geschichte hineinzuziehen.
Teige zeichnet ein genaues Bild der norwegischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Sehr deutlich kommt dabei das patriarchalische Verhalten der Einwohner zum Ausdruck. Frauen waren nicht nur bestimmte Tätigkeiten wie das Arbeiten als Lotse untersagt, sie waren auch stark eingrenzenden gesellschaftlichen Zwängen unterworfen. Kristiane agiert in einer Weise, die widersprüchlich zu den geltenden gesellschaftlichen Konventionen ist und eckt mit ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung immer wieder an. Dabei kämpft sie nicht nur für sich selbst um einen Platz in der Männerwelt, sondern für alle Frauen, wie zum Beispiel die musikalische Andrine, der ihre Familie Cellospielen verbietet, weil es angeblich unschicklich ist.
Die Figuren sind mehrdimensional beschrieben und als Leser*In erhält man ein genaues Bild der klassengeprägten Gesellschaft zu der Zeit. Allerdings empfinde ich eine gewisse Distanz selbst zu Kristiane, obwohl ich sie als starke Frau schätze und bewundere.
Für dieses bewegende und überaus lesenswerte Buch vergebe ich vier Sterne und empfehle es gerne weiter.