
»Liebe hat keine Zeit. «
Thomas Hettche taucht ein in das größte aller Gefühle. Zärtlich und voller Leidenschaft erzählt er von einer späten und umso unbedingteren Liebe. Sein neuer Roman nähert sich ihrem Wesen, ihrem Wunder und ihrem Abgrund.
Max stellt künstliche Augen her. Er ist Okularist. In seiner Praxis, über der Flamme des Bunsenbrenners, formt er feine Glaskugeln, versieht sie mit farbigen Äderchen, Iris und Pupille. Max weiß von der stillen Sprache der Blicke. An den Blitzschlag der Liebe aber glaubt er mit Anfang sechzig nicht mehr. Bis er eines Sommerabends Anna begegnet und ihn die Gefühle in ungekannter Wucht überwältigen.
Anna geht es genauso, doch sie ist verheiratet, und so bleiben den beiden immer nur Tage, das zu leben, was nicht sein darf. Und immer sind da die Erinnerungen, die Träume, die Schatten. Das stürzt Max in Verzweiflung, denn er weiß, er hat seine große Liebe gefunden. Und er ahnt, dass sie ihn auf eine unheimliche Probe stellen wird.
Besprechung vom 22.03.2026
Was die Liebe ist
Thomas Hettche hat einen Roman über Gefühle und Gespräche geschrieben. Nun stellt er "Liebe" in Frankfurt vor.
Von Florian Balke
Manchmal kommt es nur darauf an, wo man sich hinsetzt. Am Ende des Stegs, der in die abendliche Ostsee hineinragt, stehen zwei Liegestühle. Und Max, der der Party im Garten am Wasser entkommen will, nimmt Platz in einem von ihnen. Ein paar Stunden zuvor hat er das Gespräch unter den Gästen in Gang bringen wollen und gefragt, was die Liebe sei, nun kommt sie zu ihm. Und weil er wie die meisten Menschen nicht merkt, wenn sich Entscheidendes vollzieht, braucht es eine Zeit lang, bis ihm klar wird, dass im anderen Liegestuhl eine Frau Platz genommen hat. Es ist Anna.
Ein Gespräch beginnt, das Jahre dauern, abreißen und wieder aufgenommen wird, die Geschichte zweier Menschen, der Partner und Kinder, die sie umgeben, und der Gefühle, die die beiden miteinander verbinden. Thomas Hettche erzählt sie in seinem neuen Roman "Liebe", der vor einer Woche bei Kiepenheuer & Witsch in Köln erschienen ist. Am 24. März stellt er es in der Reihe "Frankfurter Premieren" in der Historischen Villa Metzler vor.
Der Roman rundet sich in 160 Seiten, schindet also keineswegs Platz. Liebesgeschichten hätten für ihn unbedingt etwas mit Gesang zu tun, sagt Hettche am Telefon, mit der Feier eines Gefühls und eines Glücks, das zugleich nicht beschrieben werden könne. Weshalb umfangreiche Romane über die Liebe sich notgedrungen dem Unglück zuwendeten. Ihn aber habe das Gelingen interessiert.
In "Liebe" kommt beides vor, Gelingen und Scheitern, Ersteres prävalierend, wie Fontane gesagt hätte. Anna und Max brauchen zunächst einen gewissen Anlauf, den sie mithilfe von Textnachrichten und heimlichen Treffen absolvieren, als seien sie beide noch ganz jung. Dabei stehen sie in der späten Mitte des Lebens, haben Beziehungen hinter sich, stecken mittendrin. Es ließen sich also viele Worte machen. In diesem Fall aber nicht, sagt Hettche. Lieber gut ausgesuchte, denkt sich der Leser. Er habe wie immer auch beim Schreiben von "Liebe" ein Ideal des Romans im Kopf gehabt, sagt der Autor. Momentan komme es ihm so vor, als habe er es ganz gut getroffen.
Geschrieben hat das Buch sich schnell. Es bringe Gefahren mit sich, Erfahrungen ohne den gebührenden Abstand zu verarbeiten, sagt er dazu: "Das war in diesem Fall die Schwierigkeit. Ich hatte große Angst, dass das schiefgehen würde. Andererseits habe ich darauf vertraut, dass der Roman auf diese Weise die intensiven Erfahrungen während der Schreibzeit abbilden würde."
Max ist Anfang 60, als das Buch beginnt, so wie der Autor, der 1964 in Mittelhessen zur Welt kam. Seit gut dreißig Jahren ist Hettche nun im Geschäft. Und es geht ihm beim Schreiben wie Max, der Glasaugen herstellt, und im Buch bemerkt, dass man irgendwann aus der Zeit falle. "Das geschieht einfach so", sagt Hettche. Die Grunderfahrung, dass sich alles ändere, sei auch keine neue. Derzeit beschleunige nur alles stark, auch die Buchbranche. "Noch in den Neunzigerjahren war man eingebunden in eine ganze Welt aus Vermittlern, Übersetzern, Kritikern, Veranstaltern, Wissenschaftlern und einer entsprechend großen Vielfalt von Schreibweisen." Das habe sich radikal vereinfacht. Immer mehr Mitspieler entfielen. Das "Netz, das Texte weitertrug", ist dünner geworden.
Doch auch er selbst sei sich nicht gleich geblieben: "Man kommt ja nicht als fertiger Autor auf die Welt." Am Anfang habe die Neugier auf Verfahrensweisen überwogen, auf sprachliche Experimente, auf das Ausprobieren, was ein Roman überhaupt sei: "Man lernt beim Machen." Heute gehe es ihm darum, eine "Sinnlichkeit der Beschreibung und das Reflektieren über die Dinge, die uns geschehen", miteinander zu verbinden: "Ich glaube, was wir schön finden und wahr, ist diese Einheit. Das beschäftigt mich immer stärker."
Die Sinnlichkeit, von der er spricht, reicht in "Liebe" von den Gefühlen zwischen Max und Anna über die intensive Weltwahrnehmung des Okularisten und der Sachbearbeiterin beim Trilateralen Wattenmeersekretariat bis zur Beschreibung der Herstellung eines Glasauges, die Hettche in der ersten Phase der Recherche, "wo man allen Menschen dumme Fragen stellen kann", bei einem Spezialisten genau verfolgt hat.
Manches weiß man, anderes nicht. Seit geraumer Zeit greift er gerne auf historische Motive zurück, vom Leben der kleinwüchsigen Maria Dorothea Strakon in "Pfaueninsel" über die Geschichte der "Augsburger Puppenkiste" in "Herzfaden" bis zur halb phantastischen Version einer mittelalterlichen Schweiz in "Sinkende Sterne". Auch in "Liebe" gibt es dieses Vorgehen, vom Rückblick auf die Jahre zwischen 2013 und 2023, in denen Hettche das Geschehen ansiedelt, bis zu einem fulminanten Zitat, das ausgerechnet Hegel als Giganten der Liebesforschung zeigt.
Warum das so ist? Er weiß es nicht. "Ich denke sehr genau über die Romane nach, während ich sie schreibe, aber warum irgendwann die Entscheidung fällt, eine bestimmte Geschichte erzählen zu wollen und eine andere nicht, kann ich nicht begründen." Er ist froh darüber, schließlich halte ihn das von strategischen Entscheidungen für Marktgängiges ab: "Es gibt da eine Notwendigkeit, der ich folge, die ich aber gar nicht erklären kann. Und ich möchte es auch nicht. Diese Blindheit gehört zu der tastenden Ungewissheit jeder künstlerischen Produktion."
Manches bleibt stabil, anderes ergreift der Wandel. Lange hat Hettche, der seit zwei Jahrzehnten in Berlin lebt, sich zum Schreiben in ein kleines Haus in den Schweizer Bergen zurückgezogen. Seit einem Jahr hat er eines im sehr viel niedrigeren Vogelsberg. "Die Sehnsucht nach meiner Heimatlandschaft ist immer größer geworden." Und er genießt die Nähe zu Frankfurt, dem er sich noch immer verbunden fühlt. Hier hat er an der Goethe-Universität studiert und lange gelebt: "Martin Mosebach meint ja, ich sei ein Exilfrankfurter, das ist aus seinem Mund natürlich eine Adelung."
Trotzdem spielt "Liebe" in einer berlinerisch-brandenburgisch-mecklenburgischen Ostseewelt, später mit schleswig-holsteinischer Komponente. Ein kurzer Vergleich mit der Nordsee wird angestellt, an der es des größeren Tidenhubs wegen mehr Übergang zwischen Wasser und Festland und eine größere Anzahl von Biotopen für unterschiedliche Pflanzen- und Tierarten gibt. Das wird in den letzten Zeilen des Buches wichtig, wenn dem Leser klar wird, dass er im klaren Ostseegegensatz von Meer und Land nach alter Caspar-David-Friedrich-Sitte den Gegensatz von Tod und Leben hätte mitlesen können.
Stralsund, Usedom, Stettin - die Entscheidung für Ostelbien am Meer hatte einen ganz konkreten Grund. "Es gab dieses magische Fest am Bodden", sagt Hettche. "Das ist einerseits banal, aber andererseits ist es existenziell für das Erzählen, an sinnliche Momente aus der eigenen Erinnerung anknüpfen zu können." Zum Beispiel an diese "Geburtstagsfeier in Berlin", auf der er jemanden die Frage stellen hörte, was die Liebe sei. Hettche hat sie mit dem Abend am Bodden kombiniert. Und am Schluss des Buches viele Antworten gegeben. Liebe ist Zufall, ist Zärtlichkeit, ist - mit Hegel - Arbeit an der Lebendigkeit. Ein Buch zu schreiben, gehört auch dazu.
Thomas Hettche, 24. März, 19 Uhr, Historische Villa Metzler, Schaumainkai 17, Frankfurt.
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