
Besprechung vom 14.03.2026
Vom Glanz der Odéonie
Uwe Neumahr erzählt gekonnt und aus vielen Quellen schöpfend die Geschichte der Buchhandlungen von Adrienne Monnier und Sylvia Beach im besetzten Paris.
Von Joseph Hanimann
Böse Zungen behaupten, das rege Pariser Literaturleben von einst habe sich auf die Gedenktafeln an den Hauswänden verflüchtigt. Dieses Buch könnte dieses Vorurteil bestärken. Aus den berühmten Buchhandlungen zwischen Quartier Latin und Saint-Germain-des-Prés sind Luxusshops geworden und aus den Cafés schick restaurierte Erinnerungstempel, vor denen die Allerweltskundschaft mit dem Touristenführer in der Hand Schlange steht. Wem ist aber beim Gang durch die Rue de l'Odéon vor der Hausnummer 7 bewusst, dass dort in der Buchhandlung von Adrienne Monnier Apollinaire, Aragon, André Gide, Paul Valéry, Ernest Hemingway, Walter Benjamin verkehrten oder dass ein paar Schritte weiter, Hausnummer 12, Sylvia Beach in ihrer Verlagsbuchhandlung "Shakespeare and Company" 1922 "Ulysses" von James Joyce herausbrachte?
Die Geschichte dieser beiden geistigen Umschlagplätze ist gut erforscht und unter Interessierten bekannt. Uwe Neumahr rollt sie aber aus dem breiten Kontext jener Epoche mit zahlreichen Details neu auf und setzt einen Fokus auf die weniger bekannte Periode der Pariser Okkupation von 1940 an. Entstanden ist daraus ein fesselndes Panorama aus intellektueller Zeitgeschichte, Epochenflair, Einzelschicksalen, Kuriositäten und Anekdoten.
Adrienne Monnier hatte ihren Laden, in dem man per Subskription auch Bücher ausleihen konnte, 1915 eröffnet. Der damals Dreiundzwanzigjährigen ging es um mehr als das Verkaufen von Literatur. In ihrem Etablissement, das bald den Namen "Maison des amis du livre" trug, veranstaltete die temperamentvolle junge Frau Lesungen, Gesprächsrunden, Konzerte mit Érik Satie, hängte Autorenfotos auf und Bilder von Picasso, Georges Braque, André Lhote, bekochte ihre Freunde, gab vorübergehend auch eine Zeitschrift heraus und schrieb selbst Erzählungen, Essays, Rezensionen. Sie wollte Akteurin sein im schöpferischen Wirbel der "Années folles", ohne sich allerdings in den Sog der Avantgardebewegungen hineinziehen zu lassen. Im Kreis der "Potassons", einer losen Gruppe des heiteren Antikonformismus, zelebrierte sie eine eigene Art von Dadaismus, für den sie sich nie ganz erwärmen konnte. Dem erzkatholischen Paul Claudel fühlte sie sich näher als dem Surrealistenpapst André Breton.
Als 1921 die von der Amerikanerin Sylvia Beach zwei Jahre zuvor gegründete "Shakespeare and Company", ebenfalls ein Verkaufs- und Leihbuchladen, gleich schräg gegenüber von Monniers Laden einzog, blühte die Rue de l'Odéon zwei Jahrzehnte lang zu einem Anziehungspunkt der europäisch-amerikanischen Literatenwelt auf. Die vollleibige, zigarettenrauchende Adrienne mit Bubikopf im Garçonne-Stil und die gertenschlanke, diskretere Amerikanerin Sylvia verstanden einander sofort, auch übers Geschäftliche hinaus. Bald zog Sylvia bei ihrer Freundin ein. Anders als die Schriftstellerin Gertrude Stein und ihre Kumpanin Alice B. Toklas in ihrem Salon ein paar Straßen weiter trugen die beiden Buchhändlerinnen aber ihre intime Beziehung nie offen zur Schau.
Die Begegnung 1920 mit James Joyce, der gern in ihren Laden kam, wurde für Sylvia Beach das Ereignis ihres Lebens. Von seinem "Ulysses" waren Teile in einer amerikanischen Zeitschrift schon erschienen, hatten aber Gerichtsklagen wegen Pornographie nach sich gezogen. Für seinen Roman fand der Autor keinen Verleger. Warum nicht bei "Shakespeare and Company", fragte Sylvia Beach und trieb schnell einen Drucker auf. Nach vielen Komplikationen - wegen Druckfehlern und nachträglichen Texterweiterungen musste der Roman angeblich fünfmal neu gesetzt werden - waren die tausend Exemplare der ersten Auflage nach wenigen Tagen verkauft. Shakespeare and Company war damit unter Literaten schlagartig berühmt geworden. Sieben Jahre später brachte Adrienne Monnier die französische Erstübersetzung des Romans heraus. Und Sylvia wurde ohne Rücksicht auf Mühen und auf eigene Geldsorgen zur hingebungsvollen Sachwalterin des Schriftstellers, selbst als dieser ihr später etwas unfein die Rechte für "Ulysses" zugunsten eines größeren Verlags wieder abluchsen wollte.
Geschäftsschwierigkeiten gingen in beiden Buchläden mit dem Ansehen einher. Nach der Weltwirtschaftskrise blieb bei Sylvia Beach die amerikanische Kundschaft aus. Und Adrienne Monnier sah nach den schwungvollen Anfangsjahren bald eher mittellose Emigranten aus Deutschland bei ihr eintreten. Walter Benjamin war schon 1930 gekommen, und aus der Begegnung wurde dann eine Freundschaft bis zuletzt. Während seiner Internierung nach Kriegsausbruch als Deutscher setzte Adrienne Monnier sich für seine Befreiung ein. Er sei ihr zu Dank verpflichtet, schrieb er im November 1939 an Max Horkheimer, "unermüdlich und absolut entschlossen" sei sie gewesen. Und Adrienne Monnier schrieb nach dem Krieg in einem Porträt über Benjamin, er sei über zehn Jahre lang einer ihrer besten Freunde gewesen, mit ihm habe sie "wohl den fruchtbarsten Austausch" gehabt.
Zu ihr kamen in jener Zeit hilfesuchend auch Siegfried Kracauer oder der ausweislose Arthur Koestler, dem sie 1940 in ihrer Wohnung Unterschlupf bot. Nicht nur Unterschlupf, sondern eine feste Bleibe über mehrere Jahre hinweg gewährte sie der 1933 aus Frankfurt geflüchteten Soziologiestudentin und Fotografin Gisèle Freund, die vorübergehend ihre neue Lebenspartnerin wurde und deren Doktorarbeit an der Sorbonne sie drucken ließ. Über alle vier Okkupationsjahre hinweg konnte Adrienne Monnier aber ihre Buchhandlung offen halten, wohingegen Sylvia Beach die ihre 1941 schließen musste und nach Kriegseintritt der USA als Amerikanerin ein halbes Jahr lang interniert wurde. Für Shakespeare and Company war dies das Ende, auch wenn 1962 ein anderer Buchladen am Seine-Ufer gegenüber von Notre-Dame den alten Namen aufgriff und unter ihm bis heute besteht. Mit dem Verkauf der "Maison des amis du livre" durch Adrienne Monnier 1951 war es mit dem Glanz der "Odéonie" endgültig vorbei.
Uwe Neumahr schildert diese Geschichte in kurzen Kapiteln als wahrer Meister der szenischen Kunst. Aus Biographien und Aufzeichnungen auch entfernter Randfiguren der "Odéonie" entwickelt er Streiflichter und Kontraste. So ist vom Wehrmachtsoffizier Ernst Jünger kein Gang in die Rue de l'Odéon und keine Erwähnung der Buchhandlungen bekannt. Jüngers geschwollener Tagebucheintragung über die Massenverhaftung jüdischer Bürger im Juli 1942 im Radrennstadion "Vel' d'Hiv'" - "Ich darf in keinem Augenblick vergessen, dass ich von Unglücklichen umgeben bin" - stellt Neumahr aber die Notiz aus dem "Pariser Tagebuch" von Hélène Berr gegenüber, die jenes Ereignis aus der Schilderung ihrer Freundin Françoise Bernheim wiedergibt. Diese Freundin war Sylvia Beachs Mitarbeiterin im Buchladen. Françoise Bernheim und Hélène Berr wurden ein Jahr später beide in Auschwitz ermordet.
Der Autor hütet sich aber vor plakativen Urteilen. Lieber gleicht er Selbststilisierung mit Gegenstilisierung ab. Wenn Jünger bei der Befreiung von Paris im August 1944 wehmütig über die Stadt sinniert, die unter der heißen Sonne "wie in der Erwartung neuer historischer Umarmungen" nun den alliierten Siegern hold sei, schwärmt Sylvia Beach später in ihren Lebenserinnerungen nicht weniger emphatisch von jenen Tagen, wo plötzlich Ernest Hemingways Ruf "Sylvia!" durch die Rue de l'Odéon gehallt sei und der Schriftsteller als Befreiungssoldat in blutverschmierter Felduniform vor dem Haus gestanden habe.
Etwas seltsam wirkt in diesem Buch sein Aufbau. Da Neumahr einen Hauptfokus auf die Okkupationsjahre setzen wollte, die interessanten Details seines Themas aber vor dieser Zeit liegen, entschloss er sich zum Verfahren zweier alternierend nebeneinander herlaufender Erzählstränge. Bald befindet man sich in der Zwischenkriegszeit, bald in den Okkupationsjahren. Diese Pendelchronologie wirkt manchmal verwirrend, wenn etwa Sylvia Beachs Buchhandlung im Jahr endgültig 1941 geschlossen, zwanzig Seiten später aber nach einer Krise 1935 wieder geöffnet wird. Für all das, was man in diesem Buch an Beiläufigem und Bemerkenswertem auf anregende Weise erfährt, nimmt man aber solche narrativen Verrenkungen gern in Kauf.
Uwe Neumahr: "Die Buchhandlung der Exilanten". Paris 1940. Zuflucht und Widerstand.
C.H. Beck Verlag, München 2026. 320 S., Abb., geb.
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