
Besprechung vom 11.10.2025
Arendts grüner Verehrer
Was kann Politik heute von der Philosophin lernen? Winfried Kretschmann sagt, Bürgerbeteiligung.
Von Rüdiger Soldt
Von Rüdiger Soldt
Bücher von Politikern dienen oft nur einem kurzen Aufmerksamkeitserfolg im Wahlkampf. Winfried Kretschmann macht es anders: Ein gutes halbes Jahr vor seinem Ausscheiden aus der Politik legt er ein Buch über seine Leitintellektuelle Hannah Arendt vor. Dass sich ein amtierender Politiker mit einer Philosophin befasst, ist ungewöhnlich. Der baden-württembergische Ministerpräsident und Grünenpolitiker tut dies schon seit Jahrzehnten: kaum eine Rede oder Pressekonferenz, in der er sich nicht auf die deutsch-jüdische Denkerin bezog.
Das Buch will keine kritisch- philosophische Auseinandersetzung sein, sondern eher ein (kleines) Brevier für gutes Regieren. Arendt, schreibt Kretschmann, biete keine "einfache Handlungsanleitung für die politische Praxis", ihr Werk könne aber ein "Kompass" sein, wie Politiker mit den Bürgern wieder gemeinsam zum aktiven Handeln kommen könnten. Arendt sei so aktuell, weil sie vor düsteren totalitären Entwicklungen warne und zugleich leidenschaftlich Wege zur Vitalisierung der Demokratie aufzeige.
Kretschmann berichtet, wie er in seiner Jugend kurzzeitig vom Denken kommunistischer Studentengruppen fasziniert war und mithilfe Arendts aus dem Irrgarten des Totalitarismus herausfand. Ihre "paradigmatischen Leitsätze", die er zur Grundlage seines politischen Handelns machte, stellt er noch einmal zusammen: Arendts Idee von Pluralität, die Überzeugung, dass Macht allein durch gemeinsames Kommunizieren und Handeln entsteht - und der Glaube an die Natalität, also den Neuanfang, der durch die Geburt jedes neuen Menschen möglich wird. Und letztlich die Überzeugung, dass es in der Demokratie immer um Mehrheiten und nicht um absolute Wahrheiten geht und der Sinn von Politik nur Freiheit sein kann.
Kretschmann zieht aus Arendts Werk ein Politikverständnis, das der später verfassten Demokratietheorie von Jürgen Habermas recht nahekommt. So verwundert nicht, dass der Grüne seine Weiterentwicklung der Bürgerbeteiligung, etwa durch Bürgerräte, und seine "Politik des Gehörtwerdens" als Leistungen wertet, die historisch Bestand haben sollen. Durch Bürgerbeteiligung einen neuen Republikanismus zu entfachen, der die Gesellschaft zusammenhält, sei ihm auch dank der Arendt-Lektüre gelungen, meint Kretschmann.
"In der Politik kann Erziehung keine Rolle spielen, weil wir es im Politischen immer mit bereits Erzogenen zu tun haben. Wer erwachsene Menschen erziehen will, will sie in Wahrheit bevormunden", zitiert Kretschmann seine philosophische Muse. Ein Ratschlag, dem er fast immer gefolgt ist - seine Partei, zu ihrem eigenen Schaden, zu selten. Anders als die meisten Politiker lässt Kretschmann nicht Redenschreiber nach passenden Kant- oder Platon-Zitaten suchen, sondern hat es geschafft, die Thesen Arendts operativ zu nutzen und so sein eigenes Handeln glaubwürdig zu begründen, was wiederum auch seinen Erfolg erklärt.
Das Buch hat auch Schwächen: Der Autor schaut eher zurück und viel zu stark auf sein Regierungshandeln, einige Abschnitte lesen sich wie eine Ministerpräsidentenrede. Zu selten und recht inkonsequent schaut er noch vorn: Zum Thema Klimaschutz fällt ihm nur ein, die Bürger müssten mit wirtschaftlichen Innovationen, Empathie für ihre Verlustängste und Bürgerbeteiligung überzeugt werden. Es lässt sich grundsätzlich fragen, ob der im Buch formulierte "Kompass" nicht zu idealistisch gedacht ist: Lassen sich Gesellschaften, in denen rechtspopulistische und in Teilen rechtsextremistische Parteien mit dreißig Prozent der Wählerstimmen rechnen können, noch mit Methoden der Bürgerbeteiligung wieder in die Mitte rücken?
Winfried Kretschmann: Der Sinn von Politik ist Freiheit. Warum Hannah Arendt uns Zuversicht in
schwieriger Zeit gibt.
Patmos Verlag,
Ostfildern 2025, 160 S.
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