
Besprechung vom 14.03.2026
Europas letzter Alleingang
Die Münchner Konferenz von 1938 gilt als Inbegriff einer gescheiterten Appeasement-Politik. Eine minutiöse Rekonstruktion zeigt Kontinuitäten bis zum Ukrainekrieg auf.
Von Daniel Siemens
Ende September 1938 hielt die Welt den Atem an, denn ein neuer Weltkrieg schien kaum noch abzuwenden. Hitlers ungezügelte Expansionspolitik, als deren Folge Österreich wenige Monate zuvor mit dem NS-Staat zu "Großdeutschland" verschmolzen wurde, bedrohte nun die staatliche Integrität der Tschechoslowakei. Da diese ihrerseits auf britische und französische Unterstützung rechnen konnte, fürchteten viele Beobachter eine verhängnisvolle Eskalation, die - wie 1914 - in einen europäischen Großkrieg führen und sich unweigerlich auch zum Weltkrieg auswachsen würde. Im Herbst 1938 kam es zunächst anders. Die Appeasement-Politik Chamberlains und Daladiers, also ihre diplomatische Strategie, durch Verhandlungen und Zugeständnisse an den Aggressor den Krieg zu vermeiden, war zumindest kurzfristig erfolgreich. Dass sie über den Kopf der bedrohten Tschechoslowakei hinweg verhandelten und dass diese im Ergebnis mehr als ein Drittel ihres Staatsgebiets verlor, gab diesem "Erfolg" von Anfang an mehr als einen schalen Beigeschmack.
Winston Churchill, aufseiten der britischen Konservativen einer der schärfsten Rivalen Chamberlains, kritisierte das Abkommen scharf. Das Einzige, was der britische Premier für die Tschechoslowakei habe erreichen können, sei gewesen, "dass der deutsche Diktator sich damit begnügte, sich die Speisen nach und nach reichen zu lassen, anstatt sie vom Tisch zu nehmen". Als die Wehrmacht, SS und Polizeieinheiten Anfang Oktober 1938 auf tschechoslowakisches Gebiet vorrückten, flohen rund 200.000 Menschen in das Landesinnere. Der sofort einsetzende Terror der Nationalsozialisten richtete sich gegen Tschechen, deutsche Sozialdemokraten und Juden. Bis Anfang 1939 hatten die neuen Machthaber bereits 10.000 Menschen verhaftet. Auch das Sudetenland sollte nun "judenrein" werden.
Die Gelegenheit einer geschwächten und außenpolitisch kaum noch handlungsfähigen Tschechoslowakei wollten sich auch Polen und Ungarn nicht entgehen lassen. Polnische Truppen besetzten das Teschener Land, und Ungarn verleibte sich Teile der Südslowakei und der Karpatenukraine ein. Die fragile Nachkriegsordnung in Europa war endgültig zerstört. Weniger als ein Jahr später begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.
Die beiden Historiker Christian Goeschel (Manchester) und Daniel Hedinger (Leipzig) stellen die entscheidenden drei Tage vom 28. bis 30. September 1938 ins Zentrum ihrer multiperspektivischen Politik- und Diplomatiegeschichte, die über frühere Darstellungen hinausgeht, indem sie die globalhistorische Dimension und den imperialen Nexus der Appeasement-Politik umfassend berücksichtigt. Im Zentrum ihres Buches steht eine minutiöse, chronologische Rekonstruktion der politischen Ereignisse auf der Basis von Erinnerungen der Beteiligten, der offiziellen Überlieferungen, britischen Meinungsumfragen und deutschen Stimmungsberichten sowie einer Auswahl international wichtiger Pressestimmen aus Europa und Asien.
Die Autoren analysieren differenziert, wobei sie nicht nur die unterschiedlichen Interessen der Hauptakteure klar benennen, sondern die Verhandlungen auch als globales Medienspektakel in den Blick nehmen. Die deutsche Seite hielt das Heft des Handelns durchgehend in der Hand, ging kalt und berechnend vor. Jede Kompromissbereitschaft Großbritanniens und Frankreichs galt Hitler und seiner Führungsriege als Schwäche. Die Nationalsozialisten wollten nicht verhandeln, sondern sich in allen Punkten durchsetzen und uneingeschränkt herrschen.
Die zentrale Figur im Buch Goeschels und Hedingers ist der vermeintliche Friedensbewahrer Chamberlain, der sich wiederholt über die zynische Entschlossenheit Hitlers täuschte, weil er sich ihm überlegen wähnte. Chamberlain habe sich auf die Gespräche schlecht vorbereitet und sich von Hitler und Mussolini in allen wichtigen Punkten über den Tisch ziehen lassen, urteilen die Autoren. Während der britische Premier noch Monate später meinte, durch seine Verhandlungsbereitschaft die Welt vor dem Abgrund gerettet zu haben, wirkte sein Agieren auf dem Kontinent wie ein Brandbeschleuniger. So schwächte das Münchner Abkommen auch die republikanischen Kräfte im spanischen Bürgerkrieg entscheidend, denn die Internationale der Faschisten war sich nun sicher, dass sie auch in Spanien nicht mehr mit nennenswertem Widerstand Englands oder Frankreichs rechnen musste.
Die beiden Historiker argumentieren überzeugend, dass es letztlich ein Bündel verschiedener, sich überschneidender Gründe war, die die Appeasement-Politik für viele in Großbritannien und Frankreich in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre sinnvoll erscheinen ließ und in weiten Bevölkerungskreisen populär machte. Beide Länder sahen sich angesichts der massiven deutschen Aufrüstung im Jahr 1938 militärisch noch nicht in der Lage, eine direkte Konfrontation zu riskieren. Hinzu kam die Sorge um ihre eigenen Kolonialreiche, die nicht nur von antikolonialen Kräften, sondern auch von Italien und Japan mit ihren imperialen Ambitionen in Afrika und Asien herausgefordert wurden. Im globalen Spiel um politische und wirtschaftliche Macht waren die Tschechoslowakei und ihre territoriale Integrität letztlich für keine der Mächte, die in München zusammentrafen, entscheidende Faktoren. Liberale Demokratien und faschistische Diktaturen unterschieden sich in dieser Frage kaum, aller Unterschiede in der Rhetorik zum Trotz.
Das Münchner Abkommen hatte Folgen weit über Europa hinaus. Die Zeit der Kompromisse war überall vorbei. Japan schloss aus der offensichtlich gewordenen britischen und französischen Schwäche, seinen Krieg gegen China zu intensivieren und nicht mehr auf eine mögliche Verhandlungslösung zu setzen. Nachdem die USA nach dem Ersten Weltkrieg zunächst dem Isolationismus gehuldigt hatten, gaben sie diese Position jetzt auf und wurden in den nächsten Jahren zum stärksten politischen und militärischen westlichen Akteur in Ostasien. Allen Staaten ging es nun darum, sich bestmöglich auf den nächsten großen Krieg vorzubereiten. Die Appeasement-Politik hatte daher nicht den Frieden bewahrt, sondern einen neuen Weltkrieg wahrscheinlicher, wenn nicht sogar unausweichlich gemacht.
Die drei Tage in München im September 1938 waren damit nicht nur ein "Triumph der Gewalt", wie Mahatma Gandhi unmittelbar nach dem Abkommen urteilte, sondern auch eine globalhistorische Zäsur. Goeschel und Hedinger erinnern daran, dass es die letzte "bedeutende internationale Konferenz" war, "bei der Europäer das Schicksal ihres Kontinents sowie der Welt im Alleingang bestimmten". Kurzfristig stärkte das Abkommen die faschistischen Achsenmächte, mittelfristig läutete es die Ablösung der europäischen Vormachtstellung durch die USA und die Sowjetunion als globale Supermächte ein, und langfristig delegitimierte es das Vorgehen großer Staaten, wenn diese wieder einmal versuchten, über die Köpfe eines kleineren Landes hinweg über dessen Schicksal zu entscheiden. Zugleich dient München 1938 bis heute vielen als abschreckendes Beispiel, warum man Erpressungen mächtiger Staaten nicht nachgeben dürfe. Parallelen mit der Gegenwart laufen beim Lesen als Subtext mit, ohne dass die Autoren sie explizit ausdiskutieren müssen.
Besonders relevant ist aus heutiger Sicht, dass im Buch zahlreiche Stimmen von Politikern und Intellektuellen aus dem globalen Süden zu Wort kommen, die die damaligen Ereignisse in Mitteleuropa intensiv verfolgten. Bei vielen überwog zunächst die Sorge, von den europäischen Kolonialmächten in einen neuen, verlustreichen Krieg gezogen zu werden. So argumentierte der Kommunist und Vordenker des Panafrikanismus, George Padmore, dass ein möglicher neuer Krieg nur ein weiterer Versuch sei, die imperiale Weltordnung mit ihren Hierarchien und Ausbeutungen zugunsten Europas aufrechtzuerhalten. Ein solcher Krieg, so meinte er, böte aber zugleich "den Schwarzen überall" auf der Welt die Chance zur Unabhängigkeit.
Nach dem Münchner Abkommen war zwar die unmittelbare Kriegsgefahr zunächst gebannt, der internationale Ruf Großbritanniens und Frankreichs jedoch stark beschädigt. Sie hätten die Tschechoslowakei auf zynische Weise einem gierigen Diktator geopfert, um ihre Kolonialreiche zu retten, lautete nun der Tenor aufseiten der antikolonialen Kräfte. Der ein Jahr später beginnende Zweite Weltkrieg beschleunigte den Prozess der Dekolonisierung und läutete das Ende der europäischen Imperien ein.
Die Kenntnis dieser historischen Zusammenhänge hilft auch zum Verständnis der Gegenwart. Großbritannien, Frankreich und Deutschland gelingt es in den letzten Jahren bekanntlich kaum, außerhalb Europas substanzielle Unterstützung für die von Russland großflächig angegriffene Ukraine zu mobilisieren, obwohl der eklatante Verstoß gegen das Nichtangriffsgebot der Vereinten Nationen offensichtlich ist. Solange der Krieg auf Europa begrenzt bleibt, gibt es schlicht zu viele Staaten, die sich Vorteile davon versprechen, dass sich die Kriegsteilnehmer und ihre Unterstützer in Westeuropa erschöpfen und so, statt die Regeln internationaler Kooperation zu bestimmen, mehr und mehr zu Bittstellern auf dem diplomatischen Parkett werden.
Der westliche Hinweis auf die regelbasierte Weltordnung gilt vielen im globalen Süden, nicht zuletzt aufgrund der historischen Erfahrungen der letzten Jahrhunderte, als Euphemismus für ein nach wie vor bestehendes europäisches Dominanzstreben im Gewand des humanitären Internationalismus. Es sind das Aufzeigen solcher Kontinuitäten und der explizit präsentistische Blick Goeschels und Hedingers, die ihr Buch über die Münchner Konferenz von 1938 gerade in diesen Zeiten lesenswert machen.
Christian Goeschel, Daniel Hedinger: München 38. Die Welt am Scheideweg.
C.H. Beck Verlag, München 2026. 331 S.
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