Stark
Für mich waren "Die großen Essays¿ von George Orwell eine absolute Überraschung. Ich bin völlig ohne Erwartungshaltung an das Buch herangegangen. Weder habe ich etwas Gutes noch etwas Schlechtes erwartet, da mir ehrlich gesagt gar nicht bewusst war, was auf mich zukommen würde. Dieses Buch befindet sich auch nur in meinem Besitz, weil es Teil eines dreiteiligen Schubers mit "1984¿ und "Farm der Tiere¿ war. Umso glücklicher bin ich, dass ich durch diesen Zufall auf dieses Werk gestoßen bin.Das Buch beginnt mit zwei kleinen Kurzgeschichten, die ich ganz in Ordnung fand. Danach tauchen wir jedoch in die Gedankenwelt von George Orwell ein und lernen seine Ansichten kennen - und zwar zu einer ganz besonderen Zeit. Ein Großteil der Essays entstand während des Zweiten Weltkriegs. Besonders gut gefallen hat mir, dass bei jedem Essay das jeweilige Entstehungsjahr angegeben ist.Es gibt Texte aus der Zeit, als die NSDAP gerade die Macht ergriffen hatte und Orwell thematisiert, wie sehr die Menschen Hitler unterschätzten. Andere Essays entstanden mitten im Krieg, noch bevor England von Deutschland angegriffen wurde, und wieder andere danach. Dabei übt Orwell auch deutliche Kritik am Antisemitismus in England. Er geht sehr tief in die Materie ein, beleuchtet die Tragödie des Zweiten Weltkriegs aus verschiedenen Perspektiven und stellt die Frage, wie es überhaupt möglich sein konnte, dass ein einzelner Mensch mit einer derart menschenverachtenden Denkweise ein ganzes Land in seinen Bann ziehen konnte.Ich war unglaublich überrascht, vor allem, weil mich die Thematik des Zweiten Weltkriegs ohnehin sehr interessiert. Besonders beschäftigt mich die Frage, wie Menschen sich dazu verleiten lassen können, dem Bösen zu folgen, ohne erkennen zu wollen, was das Böse eigentlich ist.Dazu gibt es einen Satz, den ich besonders treffend finde:"Jeder Nationalist ist zu einer ungeheuren Unaufrichtigkeit fähig, wobei er aber im Bewusstsein, einer Sache zu dienen, die größer ist als er selbst, die unerschütterliche Überzeugung hat, im Recht zu sein."Wir sehen also, wie verblendet Menschen sein können, wenn sie einer Ideologie folgen und ihre Individualität in der Masse verlieren. Dabei musste ich sofort an "Psychologie der Massen¿ von Gustave Le Bon denken.In dem Buch finden wir außerdem viele weitere Essays und Geschichten, unter anderem über Gandhi oder darüber, warum Orwell überhaupt angefangen hat zu schreiben. Das war für mich eine schöne Ergänzung. Sein hohes Ranking erhält dieses Buch für mich jedoch aus einem ganz einfachen Grund: Ich durfte die Gedanken eines Menschen kennenlernen, der eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte unmittelbar miterlebt hat und seine Eindrücke in Worte fassen konnte.Eine absolute Leseempfehlung für historisch Interessierte, aber auch für alle anderen. Und genau aus diesem Grund lese ich so gerne Bücher. Ein Film kann niemals das vermitteln, was ein Buch vermittelt. Er kann die Gedanken seines Verfassers niemals so eindringlich transportieren wie das geschriebene Wort. Da ich selbst meine eigenen Essays verfasse, bin ich von so etwas ein absoluter Fan.Einfach top!